Motorik & Entwicklung
Bewegung und Entwicklung
Von der Bauchlage bis zu den ersten Schritten, dazu Sprechen, Zehengang, Trockenwerden, Zahnen, Bildschirme, der Schnuller und die verbreitetsten Entwicklungsmythen.
Kaum ein Bereich lädt so sehr zum Vergleichen ein wie die Entwicklung. Dieser Leitfaden ordnet die Fragen nach dem Alter, in dem sie üblicherweise auftauchen, und trennt dabei streng zwischen dem, was empfohlen ist, und dem, was nur oft erzählt wird.
Die ersten Monate
Am Anfang steht die Bauchlage, die früheste Frage in diesem Feld. Die Antwort sagt, warum sie empfohlen wird, und sagt auch, dass eine bestimmte Minutenzahl nicht belegt ist.
Der Weg zum Laufen
Es folgen drei Fragen rund um das Gehenlernen, die im Alltag ständig gestellt werden: ob Krabbeln eine Pflichtstation ist, ob das Führen an den Händen schadet, und was von Lauflernhilfen zu halten ist. Bei zwei dieser Fragen lautet der Befund, dass es schlicht keine Studien gibt, die einen Schaden zeigen oder ausschließen könnten; die Antworten sagen das ausdrücklich. Danach die ersten Schritte mit ihrer sehr weiten Altersspanne und der Frage, wann eine Abklärung sinnvoll ist.
Das zweite und dritte Lebensjahr
Nach den ersten Schritten verschiebt sich das Vergleichen auf andere Felder, und dieselben Fragen kommen wieder: Ist das noch normal, und ab wann sehe ich genauer hin? Drei Antworten decken diese Zeit ab. Der Zehengang schließt unmittelbar an das Laufenlernen an: Er ist selten, verschwindet meist von allein, und eine deutsche Altersgrenze für die Abklärung gibt es nicht — die Antwort sagt auch das ausdrücklich. Beim Sprechen ist es umgekehrt: Dort gibt es eine klare deutsche Marke für den 24. Lebensmonat und eine aktuelle S3-Leitlinie, die früh hinschauen lässt statt abzuwarten. Und das Trocken- und Sauberwerden ist die Frage, bei der Eltern am häufigsten unter Druck geraten; die Antwort trennt, was die Reifung vorgibt, von dem, was ein Training tatsächlich bewirkt.
Diese drei Antworten hängen zusammen: Wer wegen der Bewegung in der Praxis ist, wird oft auch nach der Sprache gefragt, und die Früherkennungsuntersuchungen U7 und U7a prüfen beides.
Bildschirme und der Schnuller
Zwei weitere Fragen betreffen nicht die Bewegung, sondern zwei Dinge, die Kindern in die Hand oder in den Mund gegeben werden. Zu Bildschirmmedien gibt es zwei Antworten, eine für das erste und zweite Lebensjahr und eine für das dritte, weil die deutsche und die amerikanische Empfehlung hier auseinandergehen und die Datengrundlage beider Seiten dünn ist; die Antworten benennen den Unterschied und folgen der deutschen Empfehlung. Beim Schnuller fallen die drei Behauptungen, die Eltern dazu am häufigsten hören, in der Prüfung unterschiedlich aus. Deshalb spricht die Antwort keine einfache Empfehlung aus, sondern sagt, worauf es jeweils ankommt: wofür, wann und wie lange.
Die Erklärungen, die im Umlauf sind
Am Ende drei verbreitete Deutungen: der feste Kalender der Entwicklungsschübe, das Zahnen als Erklärung für Fieber und Durchfall, und die Bernsteinkette.
Die Antworten stützen sich auf das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, die Bewegungsstudie der Weltgesundheitsorganisation, Empfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben sowie deutsche und internationale Leitlinien zu Bildschirmmedien und zum plötzlichen Kindstod.
Bei Lebensgefahr gilt immer der Notruf 112, außerhalb der Sprechzeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117.
Die Antworten in dieser Reihenfolge
- Was tun?Moderate Evidenz
Wie viel Bauchlage braucht mein Baby, und warum?
Bauchlage im Wachen und unter Aufsicht fördert die Bewegungsentwicklung, und die deutsche Leitlinie empfiehlt sie regelmäßig für kurze Zeit, auch um einer asymmetrischen Kopfform vorzubeugen. Eine bestimmte Minutenzahl ist nicht belegt, und die beste Übersichtsarbeit findet einen Vorbeugeeffekt nur für die Brachyzephalie, während ihre Ergebnisse für den lagebedingten Plagiocephalus unklar bleiben.
- Mythos-CheckModerate Evidenz
Muss mein Baby krabbeln, bevor es laufen lernt?
Nein: In der Bewegungsstudie der Weltgesundheitsorganisation krabbelten 4,3 von 100 gesunden Kindern nie auf Händen und Knien und lernten trotzdem frei zu gehen. Ob das Auslassen des Krabbelns spätere Folgen hat, ist allerdings nie eigens untersucht worden.
- Mythos-CheckKeine Evidenz
Schadet es, mein Baby beim Laufenlernen an den Händen zu führen?
Für einen Schaden durch das Führen an den Händen gibt es keine Studie, und die eine Untersuchung, die es eigens gemessen hat, fand weder einen Vorteil noch einen Nachteil für den Laufbeginn. Diese Untersuchung ist klein und rein beobachtend und kann deshalb weder Nutzen noch Schaden ausschließen.
- Mythos-CheckModerate Evidenz
Helfen Lauflernhilfen meinem Baby beim Laufenlernen?
Nein: Die deutschen Fachempfehlungen raten von Lauflernhilfen ausdrücklich ab, weil sie das Gehenlernen nicht erleichtern und schwere Stürze ermöglichen. Dass sie die Bewegungsentwicklung sogar verzögern, stützt sich auf ältere Beobachtungsstudien, nicht auf randomisierte Studien.
- Ist das normal?Moderate Evidenz
Wann macht mein Baby die ersten Schritte, und wann sollte ich das abklären lassen?
Gesunde Kinder gehen zwischen 8,2 und 17,6 Monaten zum ersten Mal frei, die Hälfte mit 12 Monaten. Diese Spanne stammt aus einer Beobachtungsstudie der Weltgesundheitsorganisation und gilt für gesunde Kinder ohne bekannte Vorerkrankung.
- Ist das normal?Schwache Evidenz
Ist es normal, dass mein Kind auf Zehenspitzen läuft?
Etwa 5 von 100 Kindern gehen irgendwann zeitweise auf Zehenspitzen, und in einer schwedischen Untersuchung, die die noch betroffenen Kinder bis ins Alter von zehn Jahren weiterverfolgt hat, hatten vier von fünf diesen Gang ohne Behandlung wieder abgelegt. Auffällig wird der Zehengang, wenn er nur eine Seite betrifft, erst beginnt, nachdem dein Kind schon flüssig gelaufen ist, die Wadenmuskeln fest werden oder dein Kind sich auch sonst verzögert entwickelt.
- Ist das normal?Moderate Evidenz
Mein Kind spricht mit zwei Jahren kaum. Wann sollte ich das abklären lassen?
Wenn dein Kind mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter spricht oder noch keine Zweiwortsätze bildet, ist das der Anlass, die Sprachentwicklung ansehen zu lassen — und zwar jetzt und nicht erst mit drei Jahren. Etwa ein Drittel bis die Hälfte dieser Kinder holt bis zum dritten Geburtstag von allein auf, aber welches Kind das sein wird, lässt sich mit zwei Jahren nicht vorhersagen.
- Ist das normal?Moderate Evidenz
Ab wann wird mein Kind trocken, und sollte ich das trainieren?
Die meisten Kinder werden im dritten und vierten Lebensjahr tagsüber trocken; erzwingen lässt sich das nicht, denn es hängt an der Reifung, und die deutsche Leitlinie rät, ab etwa 18 Monaten ohne Druck auf die Signale deines Kindes zu achten. Ein sehr früher, forcierter Start verlängert nach einer amerikanischen Untersuchung vor allem die Übungszeit, und nachts gilt gelegentliches Einnässen bis zum fünften Geburtstag als normal.
- Was tun?Moderate Evidenz
Darf mein Baby fernsehen oder aufs Handy schauen?
Nach der deutschen Leitlinie sollen Eltern dabei unterstützt werden, Kinder unter drei Jahren von jeglicher passiven und aktiven Nutzung von Bildschirmmedien fernzuhalten, und die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder unter einem Jahr ebenfalls keine Bildschirmzeit. Diese Empfehlungen stützen sich nicht auf randomisierte Studien, sondern auf Beobachtungsdaten, deren Qualität die Weltgesundheitsorganisation selbst als sehr niedrig einstuft.
- Was tun?Moderate Evidenz
Wie viel Bildschirmzeit ist für ein Kind zwischen zwei und drei in Ordnung?
Die deutsche Leitlinie macht bei zwei Jahren keine Ausnahme: Bis zum dritten Geburtstag sollen Eltern dabei unterstützt werden, ihr Kind von jeglicher passiven und aktiven Nutzung von Bildschirmmedien fernzuhalten, während die Weltgesundheitsorganisation für Zweijährige höchstens eine Stunde nennt. Beide Empfehlungen beruhen nicht auf randomisierten Studien, sondern auf Expertenkonsens und auf Beobachtungsdaten, deren Qualität die Weltgesundheitsorganisation selbst als sehr niedrig einstuft.
- Mythos-CheckModerate Evidenz
Ist ein Schnuller gut oder schlecht für mein Baby?
Ein Schnuller zum Einschlafen ist mit einem niedrigeren Risiko für den plötzlichen Säuglingstod verbunden, und dass er bei gesunden reifgeborenen Kindern das Stillen verkürzt, ließ sich in randomisierten Studien nicht zeigen. Der Schutz stammt aus Fall-Kontroll-Studien und ist damit kein Beweis, und für die Zeit nach dem ersten Geburtstag kippt die Abwägung: Langer Gebrauch begünstigt Zahnfehlstellungen.
- Mythos-CheckKeine Evidenz
Gibt es die Entwicklungsschübe aus „Oje, ich wachse!“ wirklich?
Unruhige Phasen gibt es, der feste Wochenkalender aus dem Buch ist aber nicht unabhängig bestätigt: Der einzige unabhängige Überprüfungsversuch, den wir gefunden haben, verfehlte das Muster der zehn Phasen. Alle Studien dazu sind sehr klein, zusammen wurden 37 Kinder untersucht.
- Mythos-CheckModerate Evidenz
Bekommt mein Baby vom Zahnen Fieber und Durchfall?
Nein: Zahnen macht gereiztes Zahnfleisch, Unruhe, vermehrten Speichelfluss und allenfalls eine leicht erhöhte Temperatur, aber Fieber und Durchfall erklärt es nicht. Die Studien dazu sind Beobachtungsstudien mit sehr unterschiedlichen Definitionen, ihre Häufigkeitsangaben schwanken deshalb stark.
- Mythos-CheckKeine Evidenz
Helfen Bernsteinketten gegen Zahnungsschmerzen?
Nein: Für eine schmerzlindernde Wirkung von Bernsteinketten gibt es keine Studie, und die deutsche wie die amerikanische Behörde raten wegen Strangulation und Verschlucken davon ab. Wie häufig solche Unfälle sind, ist nicht bekannt, denn die Behörden stützen sich auf Einzelmeldungen und nicht auf eine Statistik.