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Eltern-Wiki

Eltern-Wiki · https://eltern-wiki.de/antworten/bekommt-mein-baby-vom-zahnen-fieber-und-durchfall

Stand: 09.09.2026 · Version 3

Kein Ersatz für ärztliche Beratung. Im Notfall 112, ärztlicher Bereitschaftsdienst 116117.

Motorik & Entwicklung

Bekommt mein Baby vom Zahnen Fieber und Durchfall?

Mythos-CheckModerate EvidenzAlter: 0 bis 36 MonateGeprüft am 9. September 2026

Nein: Zahnen macht gereiztes Zahnfleisch, Unruhe, vermehrten Speichelfluss und allenfalls eine leicht erhöhte Temperatur, aber Fieber und Durchfall erklärt es nicht. Die Studien dazu sind Beobachtungsstudien mit sehr unterschiedlichen Definitionen, ihre Häufigkeitsangaben schwanken deshalb stark.

Redaktionell geprüft, noch ohne Fachreview.

Die Behauptung

Zahnen gilt als Erklärung für fast alles, was in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres schiefgeht: Fieber, Durchfall, wunder Po, schlechter Schlaf, Ohrenschmerzen. Der Zeitraum passt gut, denn die ersten Zähne kommen genau dann, wenn der Nestschutz nachlässt und die ersten Infekte beginnen.

Geprüft wird hier, ob Fieber und Durchfall dem Zahnen zugeschrieben werden können.

Studienlage

Zuerst der zeitliche Rahmen.

Moderate Evidenz#a1

Nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (vormals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) zeigen sich die ersten Milchzähne meist im Alter von sechs bis acht Monaten, zuerst die beiden unteren, dann die oberen Schneidezähne. Mit etwa zweieinhalb Jahren ist das Milchzahngebiss mit 20 Zähnen vollständig.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2025

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a2

Als Anzeichen des Zahnens nennt dieselbe Stelle ein etwas gerötetes Zahnfleisch, verstärkten Speichelfluss und dass einige Babys beim Zahnen besonders unruhig sind oder eine leicht erhöhte Temperatur haben.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2025

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a3

Dieselbe Stelle zieht die Grenze ausdrücklich: Zähne zu bekommen sei keine Krankheit. Wenn das Baby während des Zahnens krank wirke oder zum Beispiel Durchfall oder hohes Fieber vorliege, habe dies andere Ursachen und solle in der Kinderarztpraxis abgeklärt werden.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2025

Einspruch oder Ergänzung

Die Studienlage dazu ist zweimal systematisch zusammengefasst worden.

Moderate Evidenz#a4

Eine Meta-Analyse schloss 16 Beobachtungsstudien mit insgesamt 3.506 Kindern zwischen 0 und 36 Monaten ein. Die Gesamthäufigkeit von Zeichen und Beschwerden während des Durchbruchs der Milchzähne lag bei 70,5 von 100. Am häufigsten waren gereiztes Zahnfleisch mit 86,81 von 100, Reizbarkeit mit 68,19 von 100 und vermehrter Speichelfluss mit 55,72 von 100. Vertrauensbereiche nennt die Zusammenfassung dieser Arbeit nicht.

Quellen: Pediatrics 2016

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a5

Zur Temperatur zieht dieselbe Meta-Analyse den entscheidenden Schluss: Der Zahndurchbruch könne zu einem Anstieg der Körpertemperatur führen, dieser sei jedoch nicht als Fieber einzuordnen.

Quellen: Pediatrics 2016

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a6

Eine neuere systematische Übersicht mit Meta-Analyse schloss 25 Studien zu Kindern zwischen 0 und 36 Monaten ein, mit einer Literatursuche vom 31. Mai 2023 und einer Aktualisierung vom 31. Januar 2024. Die weltweite Häufigkeit von Zahnungsbeschwerden lag bei 80,0 von 100, mit einem 95-Prozent-Vertrauensbereich von 67,8 bis 89,9. Häufigstes örtliches Zeichen war vermehrtes Beißen mit 65,9 von 100 und einem Vertrauensbereich von 37,5 bis 89,3, häufigstes allgemeines Zeichen Reizbarkeit mit 60,7 von 100 und einem Vertrauensbereich von 50,6 bis 70,3.

Quellen: International Journal of Paediatric Dentistry 2025

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a7

Dieselbe Übersicht hält fest, dass die Häufigkeit von Zahnungsbeschwerden je nach geografischer Region schwankte. Die weiten Vertrauensbereiche, etwa 37,5 bis 89,3 für das vermehrte Beißen, zeigen, wie unterschiedlich die eingeschlossenen Studien gemessen haben.

Quellen: International Journal of Paediatric Dentistry 2025

Einspruch oder Ergänzung

Für die Abgrenzung braucht es die Definition von Fieber.

Moderate Evidenz#a8

Die S3-Leitlinie Fiebermanagement definiert Fieber in Deutschland üblicherweise als Körpertemperatur von 38,5 Grad Celsius oder mehr.

Quellen: DGKJ / AWMF 2025

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a9

Bei Kindern unter drei Monaten gilt nach derselben Leitlinie bereits eine Temperatur von 38,0 Grad Celsius oder mehr als Fieber.

Quellen: DGKJ / AWMF 2025

Einspruch oder Ergänzung

Moderate Evidenz#a10

Gemessen wird dafür bei Säuglingen im Po.

Quellen: DGKJ / AWMF 2025

Einspruch oder Ergänzung

Urteil

Die Behauptung ist in ihrem Kern falsch. Zahnen macht örtliche Beschwerden, Unruhe und Sabbern; Fieber im Sinne der Leitlinie und Durchfall gehören nicht dazu und werden durch das Zahnen nicht erklärt.

Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern der Punkt, auf den es ankommt: Wer Fieber und Durchfall dem Zahnen zuschreibt, wartet unter Umständen zu lange, bis er eine Infektion abklären lässt. Die deutsche Empfehlung dazu ist eindeutig und lautet, solche Beschwerden hätten andere Ursachen und gehörten in die Kinderarztpraxis.

Die Grenzen der Datenlage gehören dazu, und die erste ist grundsätzlich: Weder Massignan noch Garima berichten in ihren Zusammenfassungen eigene Häufigkeiten für Fieber und für Durchfall — also für genau die beiden Beschwerden, um die es hier geht. Die 70,5 und die 80,0 von 100 in a4 und a6 sind Häufigkeiten irgendeiner Zahnungsbeschwerde, keine Antwort auf unsere Frage. Was wir zu Fieber und Durchfall sagen können, ruht auf a3, der deutschen Empfehlung, und auf a5, dem Temperatursatz der Meta-Analyse.

Auch die „leicht erhöhte Temperatur“ aus a2 hat in keiner Zahnen-Quelle eine Zahl. Massignan hält nur fest, der Zahndurchbruch könne die Temperatur erhöhen, ohne dass dies als Fieber einzuordnen wäre; die deutsche Seite nennt ebenfalls keinen Wert. Die Grenze von 38,5 Grad Celsius in a8 stammt aus der S3-Leitlinie Fiebermanagement, nicht aus einer Messung in den Zahnungsstudien.

Beide zusammenfassenden Arbeiten stützen sich außerdem auf Beobachtungsstudien, die Beschwerden unterschiedlich definieren und unterschiedlich messen; die Vertrauensbereiche der neueren Arbeit sind entsprechend weit. Keine der Arbeiten kann deshalb ausschließen, dass es einzelne Kinder gibt, die beim Zahnen stärker reagieren als der Durchschnitt.

Gegen die Beschwerden selbst gibt es einfache Mittel.

Moderate Evidenz#a11

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit nennt gekühlte, nicht eiskalte Beißringe, einen nassen Waschlappen zum Kauen und eine sanfte Massage der Zahnleiste. Zahngels mit Kamille und Lokalanästhetika könnten beruhigend wirken und kurzfristig Linderung bringen. Wichtig sei, dass das Baby viel trinkt.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2025

Einspruch oder Ergänzung

An einem Punkt dieser Empfehlung weichen die Behörden voneinander ab, und das gehört hierher: bei den Zahngels mit Lokalanästhetika.

Moderate Evidenz#a12

Die amerikanische Arzneimittelbehörde warnt vor betäubenden Mitteln zum Auftragen: Benzocain-haltige Produkte könnten eine schwere und mitunter tödliche Methämoglobinämie auslösen, bei der die Sauerstofftransportfähigkeit der roten Blutkörperchen stark vermindert ist. Lidocain-Lösung könne schweren Schaden anrichten, darunter Herzprobleme, schwere Hirnschäden und den Tod, und bei Säuglingen und Kleinkindern Krampfanfälle auslösen. Auch von homöopathischen Zahnungstabletten rät sie ab.

Quellen: U.S. Food and Drug Administration 2024

Einspruch oder Ergänzung

Nach unseren Regeln ist die deutsche Empfehlung die Referenz, und die Abweichung wird benannt: Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit hält Zahngels mit Kamille und Lokalanästhetika für vertretbar, die amerikanische Behörde warnt ausdrücklich vor betäubenden Wirkstoffen. Übereinstimmend empfehlen beide Stellen das, was ohne Wirkstoff auskommt: kühlen, kauen lassen, massieren. Wenn du ein Gel benutzen willst, lies nach, was drin ist, und frag vorher in der Kinderarztpraxis oder in der Apotheke.

Moderate Evidenz#a13

Nicht empfohlen werden vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit die Gabe kühler Lebensmittel zum Kauen und Bernsteinketten zur Linderung der Schmerzen, weil die Verschluckungs- und Verletzungsgefahr zu groß sei.

Quellen: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de 2025

Einspruch oder Ergänzung

Wann Fieber bei einem Baby abgeklärt gehört, steht in den Antworten des Clusters Fieber & Infekte. Bei Fieber im ersten Lebensvierteljahr gilt: Ein Säugling unter drei Monaten mit 38,0 Grad Celsius oder mehr gehört noch am selben Tag in die Kinderarztpraxis, außerhalb der Sprechzeiten zum ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117. Bei Bewusstseinsstörung, Krampfanfall oder Atemnot ruf sofort den Notruf 112.

Quellen

  1. Die Entwicklung der Zähne · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) / kindergesundheit-info.de, 2025 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05
  2. Signs and Symptoms of Primary Tooth Eruption: A Meta-analysis · Pediatrics, 2016 · Systematischer Review · Stufe 2: systematischer Review · DOI 10.1542/peds.2015-3501 · abgerufen 2026-09-05
  3. Global prevalence of teething problems in infants and children: A systematic review and meta-analysis · International Journal of Paediatric Dentistry, 2025 · Systematischer Review · Stufe 2: systematischer Review · DOI 10.1111/ipd.13272 · abgerufen 2026-09-05
  4. S3-Leitlinie Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen (AWMF 027-074), Langfassung · DGKJ / AWMF, 2025 · Leitlinie · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05
  5. Safely Soothing Teething Pain in Infants and Children · U.S. Food and Drug Administration, 2024 · Amtliche Empfehlung · Stufe 1: amtlich / Leitlinie · abgerufen 2026-09-05

Versionshistorie

  • v3 · 9. September 2026 · Redaktionell gelesen und freigegeben. (Redaktion)
  • v2 · 8. September 2026 · Freigabe-Anhang A Punkt 9a: phase von Hand auf baby gesetzt, weil die Frage „mein Baby“ sagt, bewusste Abweichung von der Rechenregel (Redaktion)
  • v1 · 5. September 2026 · Erstfassung (Redaktion)

Nächste planmäßige Prüfung: 9. September 2027. Du hältst eine Aussage für falsch? Der Link „Einspruch oder Ergänzung“ steht an jeder Aussage, und jede Entscheidung darüber ist unter Einsprüche öffentlich.

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